Studienortwechsel: von Ungarn nach Deutschland

Interview mit Anonym aus Tübingen:

Wo hast du vor deinem Wechsel studiert? Wohin bist du gewechselt?

Ich habe vom 1. bis zum 6. Semester in Ungarn studiert und bin dann nach Tübingen gewechselt. Nach dem Abitur habe ich direkt in Ungarn angefangen, weil die Universität einen Deutschsprachigen Studiengang Medizin bis zum letzten Jahr anbietet. Das ist nicht bei allen Universitäten im Ausland der Fall. 

Auf welches Semester hast du dich beworben? In welches Semester bist du dann eingestiegen? 

Ich war in Ungarn im 6. Semester und habe 2019 in Tübingen einen Platz für das 5. Semester bekommen. Das war für mich ideal, denn mein Wunsch war es, das Physikum im Ausland zu machen und dann nach der Vorklinik, also nach vier Semestern, ins 5. Semester zu wechseln. 

Ich habe mich zwei Mal über Bewerbungsrenner beworben. Beim ersten Mal hat es leider nicht geklappt. In Ungarn wäre ich dann eigentlich schon im 7. Semester gewesen, als ich den Platz für Tübingen fürs 5. Semester bekommen habe. So gesehen habe ich ein Jahr verloren, aber das war es mir trotzdem wert. 

Wie ist der Wechsel an deine neue Universität verlaufen? Auf einer Skala von 0 ohne Probleme bis 10 sehr kompliziert

Ich würde mal sagen, das war schon eine 7. Den Wechsel muss man sich wirklich so vorstellen, dass alles blitzschnell abläuft: Ich habe damals vormittags einen Anruf von Bewerbungsrenner bekommen, dass ich den Platz bekommen habe und hatte erst mal Freudentränen in den Augen. Das ist ein Tag, den man nicht vergisst und ich stoße auch jedes Jahr mit Freunden darauf an. Auf der anderen Seite musste ich damals am gleichen Tag noch koordinieren, wie ich am nächsten Tag um 8 Uhr zum nächsten anwesenheitspflichtigen Kurs nach Tübingen komme. Zu diesem Zeitpunkt lief das Semester in Tübingen schon seit drei Wochen und ich musste mich ganz schnell immatrikulieren.

Das ist wirklich verrückt: man freut sich und im nächsten Moment muss man schon wieder klar denken, wie man die ganze Sache am besten angeht. Man hat sich über die zwei bis drei Jahre im Ausland ein Leben aufgebaut, man hat eine Wohnung, man hat Freunde… 

Welche Schwierigkeiten oder Komplikationen sind im Studienablauf aufgetreten?

Ich würde sagen, die erste Hürde besteht darin, dass die Vorklinik mit 4 vollständigen Semestern anerkannt wird und die Bescheinigung dafür vorliegt. Dazu muss man mit dem Landesprüfungsamt kommunizieren und die stellen sich manchmal ein bisschen quer.

Die zweite Hürde war für mich, das System in Deutschland, das ganz anders ist als das in Ungarn, zu verstehen. Dabei war ich ziemlich auf mich allein gestellt und ich habe ein bisschen gebraucht, um mich einzufinden und herauszufinden, wo alles ist. 

Abgesehen vom Studium war es ein Problem, eine Wohnung in Tübingen zu finden. Ich habe vier Monate gebraucht, um etwas bezahlbares und halbwegs zentrales zu finden. Davor musste ich jeden Tag pendeln. Zum Glück wohnen meine Eltern in Stuttgart und die Fahrzeit beträgt nur etwa 30 bis 40 Minuten.

Eine weitere Schwierigkeit lag darin, die Studienleistungen nach dem Physikum anerkennen zu lassen. Ich hatte in Ungarn schon Mikrobiologie und Pathologie abgeschlossen. Das wurde aber nicht vom Landesprüfungsamt angerechnet, da die nur für die Anrechnung des ersten Studienabschnitts zuständig sind, sondern erfolgt in Rücksprache mit den Lehrbeauftragten der Universität. 

Tübingen hat eine sehr strenge Anwesenheitspflicht. Wenn man mehr als zwei Mal fehlt, muss man den Kurs mit ins nächste Semester nehmen. Und da wir unsere Zulassung erst erhalten haben, als das Semester schon drei Wochen lief, mussten wir extrem vorsichtig sein, um keine weiteren Fehltermine zu bekommen. Einige Kurse konnten wir ohnehin schon nicht mehr belegen.

Das war alles etwas kompliziert!

Hätten diese Schwierigkeiten vermieden werden können?

Ich denke dadurch, dass hier alles sehr bürokratisch abläuft, hätte man es nicht anders regeln können. Auch mit der Wohnungssuche hätte ich nichts anders machen können.

Ich habe mich mit anderen Studierenden, die auch aus dem Ausland nach Tübingen gewechselt sind, zusammengeschlossen. Das war sehr gut, weil wir uns untereinander abgesprochen haben und uns Informationen weitergeben konnten. 

Vielleicht hätte ich mich nicht so stressen dürfen und mehr vertrauen sollen, dass am Ende doch alles gut geht. Aber irgendwie habe ich schon gemerkt, dass ich jetzt funktionieren und mich um alles kümmern muss. Da war schon ein starker Druck, weil ich keine Zeit hatte, irgendetwas zu vertagen. 

Was war für dich die größte Herausforderung beim Wechsel an die neue Universität?

Also ich glaube, die größte Herausforderung war es, dass der Aufbau des Studiums komplett anders ist. In Ungarn fand der größte Teil der Prüfungen mündlich statt, auch in Anatomie, Histologie usw. Im Gegensatz dazu wird in Tübingen, wie in Deutschland generell, alles schriftlich abgefragt und man kreuzt viel. In Tübingen werden zudem alle Prüfungen an einem Tag geschrieben, also alle sechs bis sieben Scheine, die man in einem Semester absolvieren muss, finden als Klausuren an einem Tag statt. In Ungarn ist man in die Prüfung gekommen, hat sich vorgestellt und irgendwelche Themen gezogen, zu denen man dann etwas erklären musste. Das war wirklich ganz anders!

Aber am Ende war die Umstellung für mich gar nicht so schlimm, weil ich glücklich war, hier zu sein. Ich war froh über meinen Studienplatz in Deutschland und der Rest war ein bisschen egal. 

Wurden deine Studienleistungen angerechnet? Gab es hierbei Schwierigkeiten? Wenn ja, wobei?

Es gab kleinere Schwierigkeiten bei der Erreichbarkeit der Lehrbeauftragten oder der Frage, ob sich die Inhalte 1:1 gedeckt haben.

Generell konnte man in Tübingen mit allen gut reden und die Lehrbeauftragten sind uns so gut es ging entgegen gekommen. Bei dem ein oder anderen Schein wurde gesagt, dass noch etwas fehlt und dann haben wir nicht die volle Äquivalenz bekommen, aber ein Teil der Prüfungen wurde angerechnet. Das fand ich fair und gut und wir wurden vor Ort immer unterstützt. 

Wir mussten uns aber selber darum kümmern, weil es sonst natürlich keiner macht. 

Wie lange hat es gedauert, bis du dich an deiner neuen Universität im Hinblick auf dein Studium “zu Hause” gefühlt hast?

Also ich würde sagen, im ersten Semester auf keinen Fall. Das Semester hatte ja schon angefangen, ich kannte kaum jemanden und musste so gesehen erstmal auf mein eigenes Leben klarkommen. Das 5. Semester war ein bisschen chaotisch. Am Anfang des 6. Semesters bin ich dann angekommen, also im zweiten Semester nach dem Wechsel. Da hatte ich eine Wohnung und bin zum ersten Mal mit Freunden abends weggegangen. Auch bei den Prüfungen wusste ich, was auf mich zukommt, weil ich natürlich den Teil der Klausuren, der mir noch gefehlt hatte, im 5. Semester schon mitgeschrieben hatte.

Am Anfang wusste ich gar nicht, wie ich lernen soll. Ich habe die paar Scheine mit einer Zwei bestanden, das war ganz ok. Aber mittlerweile schreibe ich echt gute Noten, weil ich mich komplett umstrukturiert habe. Das Tolle in Deutschland ist ja, dass man anhand alter Klausuren lernt. So kann man in etwa einschätzen, was in der Prüfung erwartet wird. Viele Alt-Fragen kommen dann auch wieder in den Klausuren vor. Wenn ich am Anfang gefragt habe, wie ich mich am besten vorbereite, wurde mir immer wieder gesagt: “Kreuzen, kreuzen, kreuzen”. 

Wie lange hat es gedauert, bis du dich im Hinblick auf dein Sozialleben “zu Hause” gefühlt hast?

Da hatte ich ziemliches Glück. Ich habe u.a. deshalb den Studienplatz bekommen, weil in Tübingen die Wohnortnähe ein Bewerbungskriterium ist*. Meine Eltern wohnen in Stuttgart, das war für mich bei der Bewerbung von Vorteil. Da Tübingen nur eine halbe Stunde von Stuttgart entfernt ist, studieren dort viele Leute, mit denen ich Abitur gemacht habe. Das heißt, ich kannte schon ein paar Menschen, als ich in Tübingen angefangen habe. Im 6. Semester habe ich meinen Freund kennengelernt und damit automatisch auch seine Freunde. Ich hatte, glaube ich, echt Glück, denn mittlerweile habe ich auch unabhängig von ihm einen richtig großen Freundeskreis. Das hat allerdings etwas länger gedauert, ich glaube bis ins 8. oder 9. Semester. Viele Gruppen finden sich gleich am Anfang des Studiums und wenn man später einsteigt, kennen sich die anderen Kommilitonen schon länger. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass ich zwischendrin hänge. Also die Freunde in Ungarn werden langsam fertig mit dem Studium und sind dort noch enger zusammengewachsen. Ich habe zwar vieles von ihnen mitbekommen und immer noch enge Kontakte, aber ich bin eben gegangen und bin nicht mehr dabei. Und hier habe ich den Anfang nicht mitbekommen, das muss ich natürlich auch in Kauf nehmen.

Am Ende war ich vor allem dankbar für die Möglichkeit, in Deutschland studieren zu können und dann war auch alles gar nicht mehr so schlimm. Aber es hat ein wenig gedauert. 

*Die Kriterien haben sich inzwischen geändert.

Was sind für dich die wesentlichen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem ungarischen Hochschulsystem? Und wie unterscheiden sich die Prüfungen?

In Ungarn hatte ich das Gefühl, dass wirklich auf jedes kleinste Detail Wert gelegt wird und keine Schwerpunkte gesetzt wurden. Gefühlt war immer alles wichtig und jeder kleinste Nerv an der Leiche war von Relevanz. In Deutschland darf man die Details nicht aus den Augen verlieren, aber es werden gute, klinische Schwerpunkte gelegt, die auch sprachlich ein bisschen besser erklärt und praxisnah vermittelt werden. 

Das Format der Prüfungen ist ganz anders. In Ungarn sind die meisten Prüfungen mündlich und dann oft psychischer Horror – oder zumindest haben alle irgendwie Angst vor diesen Prüfungen. In Deutschland hat man keine Angst. Man weiß, dass viel erwartet wird, aber auch, worauf man sich einstellen kann. Und es ist viel verschriftlicht, man kreuzt viel.

Ansonsten würde ich sagen, dass man im Ausland unter den Studierenden einen größeren Zusammenhalt hat. Als Teil einer Gruppe von deutschen Medizinstudenten in Ungarn war man automatisch enger verbunden. Zum einen war man offener und zum anderen wollte man zusammen dieses stressige Studium überleben. Hier in Tübingen ist es ein bisschen gelassener, man geht abends mal was trinken, aber es hat niemand diese Existenzängste, die ich im Ausland empfunden habe. 

Dabei glaube ich, dass die Studierenden, die in Deutschland ausgebildet werden, mindestens genauso gute Ärzte werden. Also ich weiß nicht, ob das immer so nötig ist, wie es dort unterrichtet wurde. 

Insgesamt finde ich, die Systeme lassen sich nur schwer vergleichen. Aber ich bin sehr froh, dass ich damals Bewerbungsrenner hatte, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich mich bei dem ganzen Druck im Studium noch parallel an 30 Unis in Deutschland hätte bewerben sollen. Diese Zeit hat man gar nicht, wenn man im Ausland ist und an allen Kräften gezerrt wird. Ich habe damals von einer Freundin von euch erfahren und finde das Konzept sehr gut. Alleine hätte ich das nicht geschafft. 

Würdest du nochmal wechseln? Welche Gründe sprechen dafür, bzw. dagegen?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, die meisten Studierenden im Ausland im Fach Medizin scheitern in Deutschland am NC. Und ich glaube, die meisten würden wechseln, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen. 

Es gibt natürlich auch ein paar wenige, die sich auf das ungarische System eingestellt haben und gerne dort zu Ende studieren. Und es gibt Studierende mit Stipendium, z.B. von der KV Sachsen, die das Studium im Ausland finanziert bekommen und die eine Verpflichtung haben, das Studium dort zu beenden. 

Finanzielle Gründe waren bei mir nicht primär ausschlaggebend, aber ich wollte nicht, dass meine Eltern noch fünf weitere Semester 4- oder 5000 Euro zahlen müssen. 

Für mich war entscheidend, dass ich den Studienaufbau als sehr hart empfunden habe. Und die Tatsache, in einem Land zu sein, mit dessen Sprache ich nicht so viel anfangen konnte. Obwohl ich vom 1. bis zum 6. Semester vier Stunden Ungarisch Unterricht pro Woche, konnte ich am Ende trotzdem nicht fließend sprechen. Somit war ich immer eine ausländische Studentin in einem fremden Land und ich habe mich nie so richtig zu Hause gefühlt. Meine Freunde vor Ort haben das natürlich erträglicher gemacht und es gab auch viele gute Zeiten und schöne Momente. Aber hier in Tübingen habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Und ich verspüre nicht so viel Stress oder diese emotionale Belastung. Ich kann hier Medizin studieren auf einer Basis, die ich human finde und ich bin in einem Land, in dem ich alles verstehe. 

Natürlich ist auch die Nähe zu meiner Familie ein wichtiger Grund. Ich bin zwar schon immer gerne gereist, aber nach einer Weile habe ich mich auch gefreut, wieder nach Hause zu kommen. 

Ich glaube, es gibt unzählige Gründe und ich würde jedes Mal wieder wechseln. 

Gibt es etwas, das du uns, bzw. künftigen Bewerber:innen gerne mitgeben würdest, um den Wechsel noch einfacher zu gestalten?

Nicht die Hoffnung aufgeben, wenn Absagen kommen und am Ball bleiben, wenn es im ersten Semester nicht klappt. Ich würde es immer wieder versuchen und keine Chance ungenutzt lassen, wenn man es wirklich möchte und ein starker Wille dahinter steht.  Und es ist wichtig, flexibel zu sein. Einerseits muss man die Bereitschaft haben, jederzeit zu wechseln und andererseits darf man sich nicht darauf versteifen, dass es klappt. Die Option, sich mit Bewerbungsrenner zu bewerben, finde ich gut, weil man mit der maximalen Chance alle Möglichkeiten nutzt und sich gleichzeitig auf das Studium im Ausland konzentrieren kann. 

Wenn man ein Studienplatzangebot bekommt, ist es wichtig, sich zeitnah um alles zu kümmern. Am wichtigsten ist es, sich direkt zu immatrikulieren, sonst ist der Platz nämlich weg. Am besten bucht man direkt den nächsten Zug oder Flug nach Deutschland, um sich dort um alles zu kümmern.

Ein Tipp vorab wäre, nicht so viele Sachen ins Ausland mitzunehmen und in eine möblierte Wohnung zu ziehen. Das macht es einfacher, wenn man wirklich zurück will nach Deutschland. 

Außerdem hilft es enorm, sich mit anderen Studierenden, die auch einen Platz in Deutschland bekommen haben, zusammenzuschließen. Dazu gibt es Facebook- oder WhatsApp-Gruppen, die wirklich viele Informationen geben. Man kann sich auch an die Semestersprecher oder das medizinische Dekanat vor Ort wenden. 

Ich habe damals eine Informationsmappe bekommen, da stand alles drin, was das Medizinstudium in Tübingen betrifft, vom Semesterticket und Studierendenausweis und wie ich meine Klinikkarte bekomme. Da macht es Sinn, sich Zeit zu nehmen und sich einzulesen.

Und es ist sinnvoll, auf die Unterstützung von Familie und Freunden zurückzugreifen.