Studienortwechsel: von Polen nach Deutschland

Interview mit Manuel* aus Essen:

Wo hast du vor deinem Wechsel studiert? Wohin bist du gewechselt?

Ich habe von 2015 bis 2018 in Stettin, in Polen studiert und bin dann an die Uni Duisburg-Essen gewechselt. Die Universität hat zwei Standorte und die Mediziner werden in Essen ausgebildet, daher bin ich hierher gezogen.

Auf welches Semester hast du dich beworben? 

Ich habe in Stettin fünf Semester studiert und mich auf das erste klinische Semester beworben, da ich bereits wusste, dass das fünfte Semester aus Stettin vom Landesprüfungsamt nicht anerkannt wird und somit ein Wechsel ins sechste Semester in Deutschland leider nicht möglich war. 

Wie ist der Wechsel an deine neue Universität verlaufen – auf einer Skala von 0 ohne Probleme bis 10 sehr kompliziert?

Also die Studienplatzzusage kam vor allem wahnsinnig kurzfristig, da ich einen Nachrückplatz bekommen habe. Die Nachricht kam am Donnerstag und am Montag war bereits die letzte Möglichkeit, mich in Essen zu immatrikulieren. Das heißt, ich musste innerhalb von drei Tagen alle meine Zelte abbrechen und nach Essen fahren. Das war natürlich wahnsinnig hektisch und kurzfristig. Und ich war auf der einen Seite total begeistert, weil ich mir den Wechsel wirklich gewünscht hatte und auf der anderen Seite sehr traurig darüber, meine Community von heute auf morgen verlassen zu müssen.

Aber alles in allem gab es wenig, was man hätte verbessern können, deswegen würde ich glaube ich nur einen Punkt geben. 

Welche Schwierigkeiten oder Komplikationen sind im Studienablauf aufgetreten? Hättest du diese vermeiden können und wenn ja, wie?

Komplikationen gab es eigentlich gar keine. 

Die Anrechnung vom Landesprüfungsamt hat gut funktioniert. Das ist natürlich ein bürokratischer Aufwand und man braucht dafür eigentlich ein Verwaltungsstudium, aber irgendwie hat das schon alles geklappt. 

Was war für dich die größte Herausforderung beim Wechsel an die neue Universität?

Die größte Herausforderung war für mich die Umgewöhnung an das neue System. Im Ausland – ich glaube, da sind alle osteuropäischen Universitäten relativ ähnlich – ist das System relativ verschult. Es gibt sehr viele Pflichtveranstaltungen und am Anfang des Semesters bekommt man seinen Stundenplan. Also geht man gemäß dieses Stundenplans dahin, wo man hin muss und schreibt am Ende Tests und Klausuren. Irgendwann ist man damit fertig und dann gibt es Ferien. 

In Deutschland wird den Studierenden mehr Freiheit gelassen. Es gibt ein paar Pflichtseminare, aber im Großen und Ganzen sind die Vorlesungen keine Pflicht. In den Semesterferien wiederum machen viele Famulaturen oder haben ihren Studentenjob an der Uniklinik, so gibt es nicht diesen harten Wechsel von Semester- und Ferienzeit.

Gleichzeitig müssen auch alle Termine eigenständig koordiniert werden. Wenn man einen Pflichttermin vergisst oder Fristen verstreichen lässt, muss man im Regelfall ein halbes Jahr oder noch länger warten, um eine Klausur zu wiederholen. In Polen war das alles organisiert und wenn was fehlte, wurde man darauf hingewiesen.

Wurden deine Studienleistungen angerechnet? 

Mir wurde fast alles angerechnet. Statistik und Epidemiologie wurden nicht anerkannt. In Deutschland sind das zwei Module und in Polen nur eins. Die Behörde hat gesagt, dass der Kurs aus Polen nicht gleichbedeutend ist mit den zwei Kursen aus Deutschland und ich musste ihn wiederholen. Mikrobiologie wurde meines Wissens auch nicht angerechnet, aber die Klausur hatte ich sowieso nicht bestanden. Und in Stettin hat man das Fach Pathologie aufgeteilt in Pathophysiologie und Pathomorphologie. Da hat das Fach, das in der Vorklinik belegt wird, nicht ausgereicht. 

Wie lange hat es gedauert, bis du dich an deiner neuen Universität im Hinblick auf dein Studium “zu Hause” gefühlt hast?

Das ging sehr schnell. Ich würde sagen, dass ich innerhalb der ersten Wochen komplett angekommen bin.

Und im Hinblick auf dein Sozialleben?

Das ging auch sehr schnell, weil wahnsinnig viele Studenten aus dem Ausland nach Essen gewechselt sind. Viele sind über Bewerbungsrenner gekommen, andere über eine Studienplatzklage oder mit einem Härtefallantrag. Als wir uns kennenlernten, waren wir alle in derselben Situation und konnten sehr schnell eine total angenehme Community aufbauen. Die Freundschaften halten bis heute. Das ging vielleicht noch schneller als das Einleben ins Studium. 

Was sind für dich die wesentlichen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem polnischen Hochschulsystem? 

Ich persönlich finde, dass die Qualität der Lehre in Deutschland besser ist. Das mache ich an drei Kriterien fest:

Zum einen wird in Polen weniger Geld für die Lehre ausgegeben, was dazu führt, dass die jüngeren Assistenzärztinnen und Assistenzärzte die Lehre übernehmen müssen. Die sind zum Teil noch unerfahren und manchmal sogar etwas überfordert. In Deutschland muss eine Habilitation vorliegen, um Vorlesungen zu halten, also müssen die Lehrenden mindestens Privatdozent sein, oder Professor oder Professorin mit Gastprofessur. Die Qualität der Didaktik schätze ich daher höher ein. 

Das zweite ist, dass die deutschen Universitäten den Studierenden mehr Freiheiten lassen, insbesondere bei der Auswahl von Seminaren und Terminen. Das eröffnet dann auch die Möglichkeit, eine Doktorarbeit zu schreiben oder einen Studentenjob zu machen oder anderen privaten Betätigungen nachzugehen und somit das Studium individueller zu gestalten. 

Der dritte große Unterschied sind die Examina. So eine Art der Prüfung wie das Staatsexamen in Deutschland gibt es in Polen nicht. Dort ist es wie in der Schule, man schließt jedes Jahr einzeln ab und wird dann versetzt. Wenn man das letzte Jahr geschafft hat, ist man fertig. In Deutschland gibt es das erste und das zweite Staatsexamen, das PJ und dann das dritte Staatsexamen, was ich seit letzter Woche hinter mir habe. Ich persönlich finde das eigentlich ganz gut, weil man damit die Möglichkeit bekommt, alles nochmal zu lernen und zudem einen gewissen Standard garantiert. Egal, woher die Studierenden vorher gekommen sind, ob sie im Ausland studiert haben, eine ausländische Staatsbürgerschaft haben oder in einem Drittstaat studiert haben, sie werden mittels M2 oder M3 Prüfung nochmals qualifiziert. 

Ich finde eigentlich, das ist eine gute Sache.

Würdest du nochmal wechseln? Welche Gründe sprechen dafür, bzw. dagegen?

Ich würde immer wieder wechseln. Für mich war es eigentlich mein ganzes Leben lang das Ziel, in Deutschland zu studieren und, wie für viele andere auch, war es für mich nur Plan B ins Ausland zu gehen. Das habe ich gemacht, weil die anderen Alternativen mit Medizinertest und HAM-Nat-Test bei mir nicht zu einem Studienplatz geführt haben. Ich bin Polen und Stettin wahnsinnig dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, dort mit meinem Studium anzufangen. Das war eine super Zeit und ich würde das jedes Mal auch wieder machen. 

Was für mich dafür spricht, ist vor allem die Qualität der deutschen Universitäten. 

Gibt es etwas, das du uns, bzw. künftigen Bewerber:innen gerne mitgeben würdest, um den Wechsel noch einfacher zu gestalten?

Ich glaube, ganz viel ist abhängig von der eigenen Persönlichkeit. Wenn man keine Probleme hat, sich zu sozialisieren, fällt es auch nicht schwer, in Deutschland Fuß zu fassen. Also nicht verunsichern lassen von den Argumenten, dass es in Deutschland keine Community gäbe oder dass das M2 so schrecklich sei. Ich hatte eine super Studierendenschaft und habe wirklich Freunde für mein Leben gefunden. Ich kann das Argument mit der fehlenden Community überhaupt nicht bestätigen. Und das M2 ist eine Herausforderung, aber im Regelfall besteht man. Deswegen sind beide Argumente kein K.O. Kriterium gegen den Wechsel. 

*Name auf Wunsch geändert