Studienortwechsel: von der Slowakei nach Deutschland

Interview mit Anne* aus Dresden

Bewerbungsrenner:

Wo hast du vor deinem Wechsel studiert? Wohin bist du gewechselt?

Anne:

Ich habe in Kosice, der zweitgrößten Stadt der Slowakei, studiert und bin von dort nach Mainz gewechselt.

Bewerbungsrenner:

Auf welches Semester hast du dich beworben?

Anne:

Da muss ich direkt nachdenken. Ich würde sagen auf das vierte oder fünfte, ich weiß das nicht mehr genau. 

Bewerbungsrenner:

Wie viele Semester hast du vorher an der anderen Universität studiert? Und in welches Semester bist du dann eingestiegen? 

Anne:

Letztlich habe ich nach knapp vier Semestern gewechselt, aber sechs Semester gebraucht, um das Physikum zu machen.

Ich habe mein Studium in Kosice kurz vor Ende des vierten Semesters abgebrochen und so fehlten mir drei oder vier Scheine. Im Grunde hätte ich nur noch meine Abschlussprüfungen bestehen müssen, um alle Scheine für die Anerkennung des deutschen Physikums zu haben. 

In Deutschland musste ich einige Fächer nochmal komplett neu belegen. Biochemie und Physiologie hatte ich in Kosice schon zwei Semester lang studiert. Für das Fach Psychologie, was in der Slowakei ganz unbedeutend war, braucht man in Mainz drei Semester, die ich alle hintereinander machen musste. Darum hat alles länger gedauert. Am Ende war das für mich aber auch in Ordnung, denn so konnte ich mich besser auf die neue Uni einstellen.

Bewerbungsrenner:

Wie ist der Wechsel an deine neue Universität verlaufen?

Anne:

Was die Uni Mainz angeht, war alles sehr unkompliziert. Die Hilfestellungen und der allgemeine Umgang mit den Studierenden seitens der Universität war sehr freundlich. 

Als ich mein Studium dort begonnen habe, lief das Semester schon eine Woche. Ich habe mich angemeldet und saß noch am gleichen Tag abends in der Vorlesung für Biochemie.

Was mir Bauchschmerzen bereitet hat, war die Tatsache, dass ich mich in Kosice erst exmatrikulieren musste, bevor ich mich in Deutschland immatrikulieren durfte. Das hat mich gestresst, denn wenn man schon einmal einen Platz hat, gibt man den ungern einfach auf, bevor man sicher weiß, dass am Schluss alles stimmt und mit den Papieren alles klappt. 

Und natürlich bereitet ein Umzug vom Ausland in eine neue Stadt innerhalb von eineinhalb Wochen – noch dazu mit Wohnungssuche – einige Probleme. Das war kompliziert! Aber der Rest war deutlich einfacher als erwartet. 

Bewerbungsrenner:

Welche Schwierigkeiten oder Komplikationen sind im Studienablauf aufgetreten?

Anne:

Wie gesagt war es ärgerlich, dass mir in Psychologie nichts angerechnet wurde, obwohl ich das vorher schon studiert hatte. Da ich alle drei Scheine hintereinander machen musste und sie nicht parallel absolvieren durfte, hat sich meine Studienzeit verlängert.

Was ich auch als etwas schwierig empfunden habe, war die Tatsache, dass ich die mündliche Prüfung für Anatomie bei fremden Professoren ablegen musste. Ich hatte das vorher im Ausland als Hauptfach auf Englisch studiert, hatte aber keine Ahnung, was den Professoren an der neuen Universität wichtig ist, welche Bücher sie geschrieben haben und welche Themen bevorzugt abgefragt werden. Zum Glück hat es aber bei mir am Ende gut funktioniert. 

Biochemie und Physio musste ich in Mainz nochmal neu belegen. Darüber war ich dann fast ein bisschen dankbar, denn so hatte ich eine Idee, wer in meinen Prüfungen vor mir sitzt.

Bewerbungsrenner:

Hätten diese Schwierigkeiten vermieden werden können?

Anne:

Die Schwierigkeit mit unbekannten Prüfern könnte man vermeiden, indem man das Fach vorher nicht abschließt. Damit muss man es aber auch noch mal neu belegen und es dauert dann wieder länger. 

Möglicherweise ist es besser, schon früher zu wechseln. Bei mir war das sehr spät und ich hatte schon sehr viele Scheine absolviert, die mir angerechnet wurden. Wenn man bei einem Wechsel noch mal von vorne anfängt, erleichtert das natürlich den Zugang und man kennt die Professoren am Lehrstuhl. 

Bei dem Weg, den ich gegangen bin, hätte ich nichts ändern können. 

Bewerbungsrenner:

Was war für dich die größte Herausforderung beim Wechsel an die neue Universität?

Anne:

Die größte Herausforderung war für mich, Anschluss zu finden. 

Ich war sehr positiv überrascht über die Hilfsbereitschaft von Professoren und Dozenten und hatte nie das Gefühl, stehen gelassen zu werden. 

Aber in Bezug auf meine Kommilitonen fiel es mir schwer, Zugang zu finden. Es war kein Problem, Fragen zu stellen, auch hier waren alle sehr hilfsbereit, aber ich habe keinen privaten Anschluss gefunden, da sich die meisten schon im ersten Semester in Gruppen zusammengefunden hatten. Gemeinsames Lernen oder Ausgehen fand nicht statt. Das war für mich ein großes Problem, weil ich mich sehr isoliert gefühlt habe. Eigentlich bin ich sehr gut darin, neue Kontakte zu knüpfen, aber hier fiel es mir schwer. Vielleicht hatte es auch etwas mit meinem Alter zu tun. Ich war bei meinem Wechsel schon 34 und meine Kommilitonen deutlich jünger. 

Bewerbungsrenner:

Wurden deine Studienleistungen angerechnet? 

Anne:

Ja, zum Teil. Letztlich müssen die Fächer final beendet werden, damit sie anerkannt werden. Wenn ein Fach über drei Semester geht und man nur zwei abgeschlossen hat, werden die Scheine nicht berücksichtigt und man fängt wieder bei Null an. Das muss man beachten. Alles andere wird angerechnet und was bestanden ist, ist bestanden. 

Bewerbungsrenner:

Wie lange hat es gedauert, bis du dich im Hinblick auf dein Studium an deiner neuen Universität “zu Hause” gefühlt hast?

Anne:

Ich habe etwa ein Semester gebraucht. Am Anfang muss man sich natürlich erst mal orientieren und herausfinden, was wo und wie funktioniert. Ich weiß noch, dass ich unendlich viele Karten brauchte: zum Mittagessen, zum Kopieren, für Ausleihen in der Bibliothek, usw. Das war anfangs alles sehr verwirrend. Zum Glück bekam ich hier Hilfestellung von einer Kommilitonin. 

Nachdem diese Hürde geschafft war, musste ich noch verstehen, wie das Semester abläuft, z.B. welche Prüfungen hier auf mich warten. Als das erste Semester vorbei war, hatte ich eine Idee davon, wie es läuft. 

Trotz der anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten hatte ich immer ein angenehmes Gefühl und ich habe mich nie unwohl gefühlt. Ich habe schon vom ersten Tag an die deutschen Vorlesungen sehr genossen. In Kosice habe ich auf Englisch studiert, was an sich auch gut lief, aber es war einfacher, alles auf Deutsch zu hören. 

Bewerbungsrenner:

Wie lange hat es gedauert, bis du dich im Hinblick auf dein Sozialleben an deiner neuen Universität “zu Hause” gefühlt hast?

Anne:

Ich hatte ja schon gesagt, dass es mir schwer gefallen ist, Anschluss zu finden. Das eine waren die schon bestehenden Gruppen, in die ich mich nicht so leicht einbringen konnte. Zum anderen habe ich ein Kind und bin regelmäßig nach Hause gefahren, somit war ich wenig vor Ort. Und dann habe ich nebenbei noch gearbeitet, ich hatte eine halbe Stelle, da war natürlich auch nicht viel Zeit. Ich hatte Kontakt zu zwei oder drei Kommilitonen, aber im Hinblick auf gemeinsame Unternehmungen und dergleichen hat sich nichts ergeben. Ich bin dann nach meinem Physikum, also nach drei Semestern, in meine Heimatstadt Dresden gewechselt. Darüber war ich sehr froh. 

Bewerbungsrenner:

Was sind für dich die wesentlichen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem slowakischen Hochschulsystem? 

Anne:

In Kosice gibt es Seminargruppen und man belegt jedes Fach, jedes Seminar und jeden Unterricht gemeinsam. Das fühlt sich ein bisschen an wie Schule, führt aber zu einem sehr guten Zusammenhalt unter den Studierenden. In Deutschland ist es insgesamt bunt gemischt und man belegt die einzelnen Kurse mit unterschiedlichen Personen.

Das System in der Slowakei ist sehr streng. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass es in Chemie Eingangskontrollen gab. Wenn wir eine Frage nicht beantworten konnten, die uns gestellt wurde, konnte es passieren, dass wir gehen mussten und uns eine Fehlstunde angerechnet wurde. In Deutschland hat man insgesamt mehr Spiel und wird vielleicht etwas mehr als erwachsene Person wertgeschätzt. 

Andererseits war der Kontakt zu den Dozenten in Kosice sehr gut. Diese konnten uns mit Namen ansprechen und wussten viel über uns. In Deutschland ist man im Grunde nur eine Nummer.

Das Leistungsniveau bis zum Physikum unterscheidet sich kaum. Allerdings habe ich das Studium in der Slowakei als schwieriger empfunden. Das lag u.a. an der Sprache, zum anderen aber auch daran, dass der Anspruch sehr hoch war. Zum Beispiel gab es in jedem Fach mündliche Prüfungen, bei denen man Rede und Antwort stehen musste. Da sind auch wirklich viele durchgefallen und alle anderen haben mitgebangt. In Deutschland kann man gut kreuzen und man kommt um einige mündliche Prüfungen herum. Außerdem gibt es mehr Altklausuren, auf die man zurückgreifen kann.

Es wird ja häufig gesagt, dass man im Ausland alles geschenkt bekommt und das ist weiß Gott nicht so. 

Bewerbungsrenner:

Würdest du nochmal wechseln? Welche Gründe sprechen dafür, bzw. dagegen?

Anne:

Ja, aus persönlichen Gründen würde ich wieder wechseln, denn ich habe ein Kind in Deutschland. Aus diesem Grund wollte ich unbedingt zurück.

Was ich aber immer wieder vermisst habe und eigentlich bis heute vermisse, ist der Zusammenhalt unter den Kommilitonen. Etwa 50 Deutsche haben das Studium in Kosice zusammen begonnen. Ich kannte nicht alle, aber 20 bis 30 Leute haben mich im Studium täglich begleitet. Das war wie eine eigene Familie, mit der man den Schritt ins Ausland gemacht hat. Ich habe bis heute noch sehr guten Kontakt zu meinen ehemaligen Kommilitonen. 

In Deutschland ist man sehr viel verstreuter innerhalb des Studiums. Aus dem Aspekt des Zusammenhalts betrachtet, wäre ich gerne in Kosice geblieben. 

Bewerbungsrenner:

Gibt es etwas, das du uns, bzw. künftigen Bewerber:innen gerne mitgeben würdest, um den Wechsel noch einfacher zu gestalten?

Anne:

Ich kann mich eigentlich nur positiv äußern. Durch Bewerbungsrenner haben sich Möglichkeiten eröffnet, von denen ich sonst nichts gewusst hätte. Ich wäre zum Beispiel nicht auf die Idee gekommen, einen Härtefallantrag zu stellen. Der hat mir letzten Endes extrem geholfen und ich weiß nicht, ob ich meinen Studienplatz sonst bekommen hätte. 

Und noch dazu hat man ja einfach keine Zeit, sich an den verschiedensten Unis zu verschiedenen Zeiten und mit unterschiedlichen Dokumenten zu bewerben, wenn man im Ausland nonstop am Schreibtisch sitzt und mit dem Lernstoff zu tun hat. Deswegen bin ich extrem dankbar für das, was ich da mit euch erleben konnte und was ihr mir ermöglicht habt. Und ich kann das allen, die noch überlegen, einfach nur anraten. Obwohl natürlich – ganz offen gesprochen – sicherlich die Frage auftaucht, ob man das Geld investieren will, ohne zu wissen, was am Ende rauskommt. Man muss ja schon sehr viel Geld für das Studium bezahlen. Aber ich finde, das Geld ist am Ende extrem gut angelegt, wenn man wirklich zurück nach Deutschland will und das wirklich ernsthaft verfolgt. Ich kann dazu nur raten, weil man sich unendlich viel Zeit spart. 

An euch habe ich keine Vorschläge. Ihr habt mir alles erklärt und alles abgenommen, was nur ging. Das konnte ich mir gar nicht besser wünschen. 

*Name auf Wunsch geändert